Auferstanden aus Ruinen

Wiederaufbau in Dessau nach 1945

In den ersten Nachkriegsjahren sind in erster Linie die Beseitigung des Trümmerschuttes oder seine Verwendung als Aufschüttungsmaterial von Bedeutung gewesen. Riesige Mengen wurden zwischengelagert, im Georgium, im Tiergarten und im Stadtpark. Zur Verfüllung der Mühleninsel und im Bereich des ehemaligen Lustgartens konnten tausende Kubikmeter verarbeitet werden, ein Umstand, der sich bei einer geplanten Neubebauung der Flächen bemerkbar machen wird. P. Valteich und H. Keller haben in ihrer verdienstvollen Darstellung der Dessauer Grünanlagen (Zwischen Wörlitz und Mosigkau, Bd. I – III, Dessau 2002) auf diesen Umstand hingewiesen, der sich bis in die problematische Entwicklung des Baumbestandes auf Ruinenflächen darstellen lässt.

Nach der Gründung der DDR und dem planmäßig organisierten Wiederaufbau der Stadt sind weitere Mengen an Abbruchmaterial angefallen, das von den beschädigten historischen Bauten stammte und teilweise wieder verwendet wurde. Einen frühen Warner vor der Zerstörungswut der Nachkriegsjahre hatte der frühere verdienstvolle Oberbürgermeister Fritz Hesse in seiner Eigenschaft als erster Nachkriegs-Oberbürgermeister zum Stadtbaurat gemacht, Hubert Hoffmann (1904 – 1999). Der Bauhausschüler wollte mit der von ihm angestrebten „Planungsgemeinschaft Bauhaus“ nicht nur die große Wohnungsnot lindern, sondern mit der Sicherung kulturhistorisch wertvoller Bauten und einem Wiederaufbauplan für die Stadt einen Handlungsrahmen abstecken. Hoffmann konnte sich gegen den Nachfolger Hesses, Karl Adolphs, nicht durchsetzen und ging 1947 nach Berlin.

Selbst Karl Schulze-Wollgast beschwor noch 1957 den Geist der Vergangenheit, indem er auf den Wert des zerstörten Kulturerbes hinwies. Einige wichtige Bauten wären „für Behörden- oder Wohnzwecke auch innerhalb der Neubauten zu verwenden. Was den Großen Markt und den Lustgarten als das historische Zentrum der Stadt betrifft, so sollte beides im alten Zustand wiederhergestellt werden“. Vergeblich: ab Juni 1958 wurde gesprengt. In einem Aufsatzes von Marie-Theres Albert steht eine ganz plausible Notiz zu diesem Thema. „Herrschaft zu sichern und Macht auszuüben ging … meistens mit einem rigorosen Abschneiden der Wurzeln der Menschen einher“… Es sei immer die gleiche Strategie: „Wichtige materielle oder immaterielle Ausdrücke einer unliebsamen Kultur bzw. Identität werden zerstört, geschändet oder entehrt, um Raum für die Einführung und Zementierung der eigenen Machtstrukturen zu schaffen. Die Zerstörung von Erbe zielt auf die Zerstörung von Identität.“

Mit der Zerbster Strasse wurde ein erster Versuch unternommen, eine einheitliche Bauordnung für den Wiederaufbau zu formulieren. Die Architektur folgt zaghaft heimatverbundenen Vorbildern, dekoriert mit volkstümlichen Attributen.

Dem Architekten der Bauten,  Willy Stamm (1905 – 1973) als verantwortlichem Planer wurde allerdings mangelnde Anknüpfung „an die nationale Tradition“ , den Klassizismus, vorgeworfen. Stamm, Schüler von H. Tessenow und 1931/32 Hospitant bei Mies v.d. Rohe am Bauhaus, arbeitete seit 1935 in Dessau. Hier entstanden, wohl von Tessenows Hellerauer Bauten beeinflusste, harmonische, von kleinteiligen Strukturen geprägte Häuser ( u.a. Georgenallee 7, Memeler Strasse 2, Meisenweg 49). Seine erste Tätigkeit galt der Beseitigung von Kriegsschäden: am Rathaus 1948, am Theater 1949, auch den Wiederaufbau des Palais Waldersee an der Zerbster Strasse 1962 leitete er. Seit 1955 arbeitete Stamm bei H. Henselmann (1905 – 1995) in Berlin, geriet aber, wohl wegen seiner Dessauer Projekte –  Zerbster Strasse, Diagonalstrasse, Poststrasse – in Streit mit diesem damals einflussreichsten Architekten und verließ 1962 die DDR. Spätere Arbeiten sind Kaufhäuser in Kassel, Frankfurt/M. und Krefeld.

Print Friendly
Veröffentlicht unter Alle Artikel, Baugeschichte, Stadtplanung, Startseite | Hinterlasse einen Kommentar